Andrea Riccardi

Europa: Hoffnung über die Krise hinaus - Rede von PROF. ANDREA RICCARDI

12 Mai 2012

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Europa: Hoffnung über die Krise hinaus - Rede von PROF. ANDREA RICCARDI
PROF. ANDREA RICCARDI
Brüssel, 12. Mai 2012, Square Meeting Centre
Miteinander für Europa


Liebe Freunde,
wir können die Krise Europas nicht verbergen. Die Wirtschaftskrise, die auf zahlreichen Ländern lastet, ist mit anderen Krisen verbunden. Welchen Ausweg gibt es? Es geht hier nicht um Rezepte. In diesem Zusammenhang wird heute oft die Botschaft verbreitet, die Krise müsse allein überwunden werden, indem man sich auf sich konzentriert. Es gibt einen Ursprung der Krise beim Menschen, und das ist vielleicht die Mutter der Krisen: die Einsamkeit vieler Europäer. So leben nicht wenige, während viele Bezugspunkte des Zusammenlebens zerfallen: politische Parteien, Verbände, die Familie. Heute sind die Europäer einsamer und gestalten ihren Lebensentwurf allein.
Zudem sind wir von einer stark individualistisch geprägten Kultur umgeben, die sich auf das persönliche Leben, auf die Arbeit und darüber hinaus auswirkt. Die Vorstellung von einer gemeinsamen Bestimmung Europas wird im Zusammenhang mit der Krise des gemeinschaftlichen Lebens und eines gemeinsamen Schicksals in Frage gestellt. Das hat Folgen für die einzelnen Länder. Eine der nicht unwesentlichen Folgen sind fehlende Zukunftsvisionen. Dabei gibt es ein unglaubliches Bedürfnis nach Visionen. Denn Visionen sind Ikonen der Hoffnung, die man betrachten muss, um nicht in Pessimismus zu verfallen.
Auch wenn eine vollkommen individualistische Lebensauffassung teilweise aufbauend oder zufriedenstellend sein kann, führt jedoch ein fehlendes Gemeinschaftsgefühl zu einem pessimistischen Klima. Dadurch laufen wir als Europäer, die von finsterem Nebel umgeben sind, Gefahr, keine Geschichte mehr schreiben zu wollen: "Man lebt in der Geschichte, ohne sie zu gestalten", schreibt Jürgen Habermas; oder man "verabschiedet sich aus der Geschichte", sagt Benedikt XVI. Man fürchtet eine zu große und komplexe Welt. Scheinbar muss man sich vor der Geschichte und der Welt schützen. Diese Haltung zeigte sich nach dem 11. September 2001, dem Tag der schrecklichen Terrorangriffe auf die Vereinigten Staaten. Wir müssen uns gegen einen Feind und eine zu aggressive Geschichte verteidigen.
Der französische Philosoph Alexandre Lacroix stellte sich die Frage: "Sind wir wie die Römer in der Spätzeit ihres Reiches beim letzten Kapitel unserer glorreichen (und gewalttätigen) Geschichte angekommen? Sind wir zynische Hedonisten, rücksichtslos gegenüber den Gesetzen Gottes und nehmen wir außer uns nichts Anderes ernst? Können wir keine Zukunftspläne mehr entwickeln, sind wir durch Bequemlichkeit faul, oberflächlich und verwöhnt? Haben wir es verdient, von anderen, jüngeren, ehrgeizigeren und stärkeren Völkern überholt zu werden?" Ist Europa ein Kontinent im Niedergang? Es ist nicht mehr das Zentrum der Welt in einer Welt ohne Zentrum.
Es gibt ein Bestreben, im Kleinen Zuflucht zu suchen und wieder Grenzen aufzurichten. Das ist eine Illusion. Die meisten europäischen Länder können die globalen Herausforderungen, die Wirtschaftskrise und den Wettbewerb mit den asiatischen Giganten nicht allein meistern. In dieser Hinsicht möge sich niemand täuschen. Wenn wir nicht zusammenstehen, werden die europäischen Länder zu einer quantité négligeable. Dann werden sich unsere Werte im Strom der Globalisierung verlieren, was einen Verlust an Freiheit und Humanismus für den Planeten bedeutet.
Wir dürfen den Untergang nicht resigniert hinnehmen. Das Treffen der Christen in Brüssel ist ein deutliches Signal: "Miteinander für Europa". Fünfzig Jahre sind seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vergangen. Das ist für uns keine Erinnerung von alten Nostalgikern. Das Konzil ist ein dauerhafter Nährboden für eine Zukunftsvision. Als der einundachtzigjährige Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 das Zweite Vatikanum eröffnete, sprach er hoffnungsvolle Worte: So "geschieht es oft, dass bisweilen Stimmen solcher Personen unser Ohr betrüben" … die meinen, "nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, dass unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei … Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten … in der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint".
Auch wir sind fünfzig Jahre danach völlig anderer Meinung als die Unglückspropheten im Hinblick auf den europäischen Verfall und auf die Tatsache, dass sich eine individualistische Kultur unvermeidlich durchsetzt. Zwischen dem Konzil und der Europäischen Union gibt es eine enge Verbindung. Das Zweite Vatikanische Konzil war nach 1945 das erste paneuropäische Ereignis, zu dem trotz des Kalten Krieges Bischöfe aus beiden Teilen zusammenkamen. Zudem begann schon lange, bevor von Globalisierung die Rede war, die weltweite Ausrichtung der europäischen Christen und der Aufbruch der Ökumene.
Das Gedenken an das Zweite Vatikanische Konzil ist von Hoffnung erfüllt. Hoffnung kann nicht mit Pessimismus in Einklang gebracht werden. Wir dürfen dem "Rette sich, wer kann" im Rahmen der Untergangsstimmung nicht zustimmen. Der Gläubige ist berufen, "die dargebotene Hoffnung zu ergreifen … einen sicheren und festen Anker der Seele", so schreibt der Hebräerbrief (6,18-19). Die Christen sind das Volk der Einheit und der Hoffnung.
Die Einheit. Ich denke an unsere Geschichten. Jede Bewegung birgt den Traum von Universalität und Einheit in sich. Die Bewegungen sind unterschiedlich, nicht um zu spalten, sondern um Einheit zu schaffen. Chiara Lubich gab auch im hohen Alter die Hoffnung niemals auf und sagte: Auch in einer nicht religiösen Einheit findet sich immer unser Geist. In der Einheit ist ein christlicher und zutiefst humaner Geist enthalten. Werden wir ohne Seele resignieren vor dem Zerfall der Gemeinwesen auf allen Ebenen?
Die Antwort ist der Dienst am Traum von der Einheit, um die Hoffnung zu leben und weiterzugeben. Das größte Elend Europas ist der Mangel an Hoffnung. Die Geschichte fordert uns auf, diese komplexen und schwierigen Zeiten zu gestalten. Sie sind nicht schrecklich oder verzweifelt. Man kann noch handeln und etwas verändern. Gibt es auch schwerwiegende Gründe zur Sorge aufgrund der durch die Wirtschaftskrise hervorgerufenen Leiden in vielen europäischen Ländern, so muss doch ein Klima von Sympathie und Solidarität geschaffen, ein Gespür für eine gemeinsame Bestimmung wiedergefunden und ein soziales Netzwerk neu geknüpft werden.
Paulus schreibt an die Römer: "Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen" (5,5). Inmitten der Schwierigkeiten kann unsere Zeit von Hoffnung erfüllt werden und das Beste zum Vorschein bringen: "Wenn wir vereint sind, werden wir eine Zukunft haben, wir werden der Welt und uns selbst etwas Gutes tun". Doch wer sind wir denn? Jeder ist immer klein angesichts der Anforderungen des Lebens. Der jüdische Lehrer Hillel, ein Zeitgenosse Jesu, sagte: "Wenn es an Menschen fehlt, bemühe du dich, Mensch zu sein!" Wenn Männer und Frauen der Einheit fehlen, bemühen wir uns, solche hoffnungsvollen Menschen zu sein. Auf diese Weise kann die Kultur der gelebten, wohl bedachten und geschenkten Einheit unserem Europa eine neue Seele geben.