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In den "verschlossenen" Heimen lässt man die Alten sterben. Durch ihre Stimmen das Schweigen durchbrechen

28 Oktober 2020

ÄLTERE
Covid-19Unsere Zukunft - nicht ohne die alten Menschen

Artikel von Giancarlo Penza

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Die Worte der Betroffenen reichen aus. Renata, 94 Jahre, im Altenheim in Cuneo: «Es braucht Mut, wenn man nicht mehr glaubt, das jemand auf dich wartet. Wir Alten stehen unter Hausarrest». Ein Großvater, der im Heim am Coronavirus gestorben ist, schreibt in seinem letzten Brief an die Enkel: «Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich mal an einem solchen Ort enden würde. Äußerlich ist alles sauber und in Ordnung, aber wir sind nur eine Nummer.» Anna, die Nichte von Alan, 91 Jahre, der in einem Heim in Norfolk lebt, berichtet von der Zeit kurz vor seinem Tod. «Nur ein Mitglied der Familie durfte ihn für eine halbe Stunde besuchen; man durfte meinem Onkel nicht mit der Hand berühren, auch wenn man die Hände desinfiziert hatte». Man könnte weiter berichten...
Während die Pandemie in Europa wieder hart zuschlägt und erneut über einen vollständigen Lockdown gesprochen wird, gibt es eine nicht kleine Bevölkerungsgruppe, für die der Lockdown niemals unterbrochen wurde, nach der Phase 1 ist keine Phase 2 oder 3 gekommen: das sind die Alten in den Heimen.
Es ist bekannt, dass in Heimen sehr viele, zu viele Bewohner gestorben sind. Das waren über 60% der Todesfälle durch Covid-19 in Europa. Es war kein Zufall und auch nicht unvorhersehbar: unangemessene Organisation und Personalprobleme (dabei geht es nicht um dessen Verhalten), schwerwiegende und unverantwortliche Entscheidungen der politischen Entscheidungsträger und der Leitungen; Unaufmerksamkeit und Unterschätzungen. Doch die folgenschwerste Entscheidung war, dass die physischen Abstandsregeln im Inneren nicht umgesetzt und jede Kommunikation nach außen unterbrochen wurde. Isoliert, allein... und doch angesteckt!
Man hat vergessen, dass alte Menschen ohne Besuch, ohne liebevolle Blicke von Verwandten oder Freunden, ohne tröstende Worte und Gesten, noch dazu herausgerissen aus ihrem Lebensumfeld oder Stadtviertel sterben oder sich gehen lassen und dadurch sterben. Ist nicht die Einsamkeit ein ebenso tödliches Virus? Das wurde auch in Bezug auf die Freiheitsrechte der Person im letzten Bericht für das Parlament angemerkt: "Die neuesten Ereignisse in den Betreuungseinrichtungen während der Zeit der Abgeschlossenheit zur Vermeidung von Ansteckungen haben gezeigt, dass sie potentielle Cluster sind, während fast vergessen wurde, dass an diesen Orten eine erzwungene Unterbrechung von Beziehungen erfolgt ist und dadurch unheilvolle Entwicklungen ausgelöst wurden in einem Umfeld von großer Leere und absoluter Einsamkeit." Deutlicher geht es nicht!
Natürlich muss man die Alten schützen. Doch leider wurden sie - das wurde bewiesen - in der Mehrheit der Fälle von den Mitarbeitern angesteckt, nicht von den Verwandten. Für viele Einrichtungen war der Lockdown vielleicht auch ein Anlass, um nicht zu viele Eindringlinge zu haben, die Ansprüche haben, Kritik üben, Kontrollen durchführen: die Abschlossenheit war bequem. In vielen Heimen hat sich der Gesundheitszustand der alten Menschen beispielsweise verschlechtert durch eine schlechte Ernährung. Die fehlenden Besuche der Verwandten haben auch zu vielen konkreten Problemen geführt, so konnten viele Bewohner nicht an ihre Ersparnisse gelangen und daher keine Einkäufe durchführen (Zeitungen, Zigaretten, Kosmetikartikel oder Dinge der persönlichen Hygiene, etc.).
In den meisten Einrichtungen wurden keine geschützten Räume für Besuche von außen eingerichtet; in anderen wurden keine Möglichkeiten im Freien geschaffen (Garten oder Innenhöfen), wo sichere Besuche hätten stattfinden können und ein längerer Aufenthalt mit den Angehörigen möglich gewesen wäre. In seltenen Fällen der Besuchsmöglichkeiten wurden die Besuchszeiten wirklich sehr eng bemessen, da die Zahl der Heimbewohner zu hoch ist. Man kann sich vorstellen, wie lange ein Bewohner warten musste, bis ein Sohn, eine Tochter, ein Neffe oder Enkel kommen konnte.
Ganz zu schweigen vom Verbot der Arztbesuche bei Spezialisten außerhalb des Heimes mit schlimmen Folgen für die Gesundheit der alten Menschen, denn sie leiden oft unter vielfältigen Erkrankungen, einige Behandlungen sind dringend notwendig und können nicht aufgeschoben oder von Einrichtungen mit geringen Pflegemöglichkeiten übernommen werden. Nach den neuen Vorschriften für Alteneinrrichtungen im August, hätte diese Besuche außerhalb der Einrichtungen "flexibler" sein sollen, doch im Grunde genommen sind die Vorschriften weiter sehr streng geblieben.
Marco Impagliazzo, der Präsident der Gemeinschaft Sant'Egidio, hat im «Corriere della Sera» geschrieben: "Diese Einschränkungen garantieren keinen wirksamen Schutz für die Gebrechlichen, da allgemein anerkannt ist, dass persönliche Beziehungen eine unerlässliche Grundlage für den Schutz der physischen, geistigen und psychischen Gesundheit des Individuums darstellen". Ebenso in dieser Zeitung hat Costantino Bolis, ein Arzt, an den Direktor geschrieben: «Es ist sehr schwer nachvollziehbar, dass man Sicherheit und das Recht des Patienten auf Besuch und Trost in der Krankheit nicht miteinander verbinden kann, zumindest durch einen Angehörigen mit den notwendigen Schutzmaßnahmen einmal am Tag und für eine bestimmte Zeit. Die Schäden, die dadurch verursacht werden sind enorm, die Psychiater sagen dies mit viel mehr Kompetenz als ich und veröffentlichen Daten, die uns ernsthaft Anlass zum Nachdenken geben müssen».
Es müssen Stimmen wie diese im Schweigen zu Gehör gebracht werden. Es gibt sehr viele, da bin ich sicher. Wenn die Eigentümer der Einrichtungen, mit denen heute in Italien sehr viel Geld gemacht werden, schwigen, dann werden die Manner und Frauen guten Willens laut ihre Stimme erheben, die eine Generation nicht einem unerhörten Schicksal überlassen wollen, denen dieses Land sehr viel zu verdanken hat.
[ Giancarlo Penza]