Das Evangelium als Richtschnur. Die Wende von Papst Bergoglio. Leitartikel von Andrea Riccardi im Corriere della Sera


1. Juni 2020

Das Evangelium als Richtschnur. Die Wende von Papst Bergoglio
Die Botschaft von Franziskus. Früher sprach man von abwechseln religiösen und politischen Pontifikaten. Heute passt diese Unterscheidung nicht mehr, wie es übrigens vielleicht nie der Fall war

In den Wochen des Coronavirus hat Papst Franziskus neue Bedeutung gewonnen, sei es nur durch die tägliche Übertragung der Messe, die allein auf TG1 über eineinhalb Millionen Zuhörer hatte. Sieben Jahre sind seit der Wahl eines Papstes vergangen, der "vom Ende der Welt kommt": eine Wende in einer vom Trauma des Rücktritts von Benedikt XVI. erfassten Kirche, der mehr durch ein starkes Verantwortungsbewusstsein als schwierige Gesundheitsprobleme begründet war. 1978 gab es die Wende der Wahl eines "ausländischen" Papstes aus der kommunistischen Welt. Doch eigentlich ist Wojtyla nur um zwei Jahre nicht als Untergebener der Habsburger geboren, wie zudem Pius X. und Pius XI. (und die Lombarden Roncalli und Montini kamen später aus zuvor habsburgischen Regionen). Ratzinger war auch nicht fern vom mitteleuropäischen Herzen des Katholizismus. Die europäischen Päpste waren von der religiösen Bedeutung des Kontinents für die Kirche in der Welt überzeugt. Aber auch von der politischen Bedeutung: Pius XII. förderte die europäische Integration einschließlich der Protestanten und überwand die lateinisch-katholische Sichtweise Europas; für Wojtyla gehörte die europäische Einheit zur zentralen Sichtweise.

Mit Bergoglio kommt es zu einer Entwicklung im Papsttum. Die Kommentatoren hatten Mühe, Franziskus in einen katholischen Horiziont einzuordnen. Manchmal gibt es eine verbreitete, ziemlich irrationale Ablehnung angesichts einer Gestalt, die sich von der Kontinuität in der Ausübung der politischen Macht der Päpste absetzt, vor allem in äußerlichen und protokollarischen Aspekten. Aber auch die Vorgänger haben sich nach dem Zweiten Vatikanum ähnlich verhalten, wenn auch mit unterschiedlicher Entschiedenheit. Es gibt eine alte Spannung, sodass Bernhard von Chiaravalle Eugen III., Papst im Jahr 1145, kritisierte: "Du scheinst kein Nachfolger von Petrus zu sein, sondern von Konstantin". Für den Konzilstheologen Pater Chenu war das "Ende der konstantinischen Ära" durch eine missionarische Kirche als Freundin der Amren gekommen, in der das Evangelium "lebendig" ist, mehr als Recht oder Philosophie.

Franziskus tritt mit schlichter Einfachheit als Priester und Bischof auf. Er ist von der argentinischen Geschichte und der jesuitischen Ausbildung geprägt. Er war einer der Hauptautoren des Dokuments von Aparecida, in dem die lateinamerikanischen Bischöfe der Kirche auf den Kontinent neuen Schwung verliehen. Beeindruckend ist die Nähe zum Evangelium, die in ihm lebendig ist, mit dem Aufruf zur Umkehr und einer tiefen Verwurzelung in der Schrift. Wer ihm zuhört, spürt ein lebendiges Evangelium mehr als Ideologie oder Weltanschauung.

Daher kommt es natürlich zu Sympathie und Antipathie. Fortlaufend spricht über über die Armen: die Kirche der Armen des Zweiten Vatikanischen Konzils lebt in direktem Kontakt mit den Wunden des Lebens, sie verbindet zudem die Mystik des Armen (aus dem Evangelium) mit sozialem Engagement und das mit einer viel größeren Begeisterung als die institutionelle Praxis der großen katholischen Sozialeinrichtungen. Migranten und Flüchtlinge, über die der Papst oft zu sprechen kommt, sind ein abstoßendes Thema für national-katholische Kreise. Die Interpretation von Exsul Familia von Pius XII. über die Migranten (1952) beeindruckt mich. Pacelli forderte ein "Urrecht auf einen Platz im Leben" für die Familie der Migranten: das ist radikaler als Franziskus, auch wenn es in einer anderen Situation gesprochen wurde. Bergoglio ist in seiner sozialen Haltung auf einem "dritten" Weg einzuordnen, ihm sind marxistische Gedanken fremd und er kritisiert den globalen Kapitalismus. 1981 sagte ausgerechnet Johannes Paul II. im Vertrauen zu Andreotti, was er über die Zukunft Polens dachte: "Weder Kapitalismus noch Marxismus". Der UdSSR empfahl er nach 1989, sich nicht an den Kapitalismus anzupassen.

Wie sieht Bergoglio Europa? Dazu hat ihn Ferruccio de Bortoli im ersten Interview befragt. Ich erwähne hier nicht die verschiedenen offiziellen Äußerungen, genannt sei nur der vor kurzem von ihm ausgeübte Druck in der Covid-19 Zeit (mit dem Appell an Ostern als Höhepunkt), dass die EU mit dem Süden solidarisch sein solle, dabei stützt er sich auf die Beziehung zu Angela Merkel, die dem Denken des Papstes nahesteht.
Was die Regierungstätigkeit des ersten globalen Papstes in einer zerfallenden Welt betrifft, haben die Zusammenlegungen und Veränderungen keine neue institutionelle Architektur geschaffen. Der römische Zentralismus, der manchen Ortskirchen missfällt, wurde abgeschwächt, doch die römische Regierung bleibt ein Punkt des Zusammenhalts. Der Papst, zu dem viele Zugang haben, regiert mit einem Stil, der einige in manchem an den Generaloberen erinnert, auf den das Handeln der Gesellschaft Jesu direkten Bezug nimmt. Doch eigentlich erlebt die Kirche wie die globale Gesellschaft eine unsichere Übergangsphase: die Institutionen der Zukunft sind noch nicht absehbar.

Inzwischen stellt der Papst die persönliche und kirchliche Auseinandersetzung mit dem Evangelium in den Mittelpunkt. Auf diesem Weg zeigt er sich als globaler und spiritueller Führer mit hohem Ansehen. Einst wurde von abwechselnden religiösen und politischen Päpsten gesprochen. Ist Bergoglio ein religiöser oder ein politischer Papst? Diese Unterscheidung ist nicht mehr passend, wie es übrigens vielleicht nie der All war.


[ Andrea Riccardi ]